Ostsee-wal timmy: sterben in der öffentlichkeit?

Die Sonne brennt, die Möwen kreischen – und Timmy, der gestrandete Wal in der Wismarer Bucht, ringt um sein Leben. Eine Szene, die sich jeder Tierfreund von der Seele wünscht. Doch während sich die Hoffnung auf ein Happy End weiter verflüchtigt, wird die Frage immer drängender: Dürfen wir diesem Tier den langsamen, qualvollen Tod in der Öffentlichkeit zugestehen?

Die chancen stehen mau: 0,1 prozent überlebenswahrscheinlichkeit

Die chancen stehen mau: 0,1 prozent überlebenswahrscheinlichkeit

Meeresbiologe Robert Marc Lehmann sprach Klartext: 0,1 Prozent. Das sind nicht gerade rosige Aussichten für Timmy, dessen Haut seit Tagen in Fetzen liegt. Und das Wasser, die lebensnotwendige Ressource, schwindet mit jeder Flut. 40 Zentimeter weniger – eine Distanz, die für den Wal eine unüberwindbare Hürde darstellt, für die Möwen aber ein Festmahl bedeutet. Sie picken erbarmungslos an seinem Körper, während er hilflos da liegt, gefangen in seinem Schicksal.

Peter Hell, BILD-Reporter vor Ort, beschreibt das Szenario mit zitternder Stimme: „Sein Rufen ist ein furchtbares Heulen.“ Ein Heulen, das nicht nur Schmerz, sondern auch Verzweiflung widerspiegelt. Es ist ein Ton, der unter die Haut geht und die Frage aufwirft, wie lange wir diesem Leid noch zusehen können.

Aber das eigentliche Problem liegt tiefer. Es ist nicht nur die Frage des Tierwohls, sondern auch die des menschlichen Handelns. Dr. Stefanie Groß vom Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung machte bei einer Pressekonferenz deutlich: „Es gibt keine verlässliche Methode, die dieses Tier schnell und schmerzlos erlöst.“ Eine Aussage, die so einfach wie zynisch klingt, angesichts von Timmys unerträglichen Bedingungen.

Norwegische Walfänger setzen Harpunenkanonen mit Sprengladungen ein – eine Methode, die zwar brutal ist, aber zumindest eine gewisse Chance auf einen schnellen Tod bietet. Minuten des Leidens, so scheint es, sind immer noch humaner als tagelanges, qualvolles Sterben im Rampenlicht der Öffentlichkeit. Arved Fuchs, der berühmte Polarforscher, sprach von Hoffnung. Eine menschlich verständliche, aber eben auch zutiefst egoistische Reaktion. Denn die Wahrheit ist: Der Kampf ist längst verloren.

Die Aussagen von Dr. Groß, die betonen, man könne das Tier nicht einschläfern, ohne ihm weitere Schmerzen zuzufügen, klingen wie Hohn. Sie klingen nach Ausflüchten, während Timmy weiter heult und von Möwen und anderen Meeresbewohnern zernagt wird. DAS ist keine Tierschutzmaßnahme. Es ist eine Kapitulation vor der Realität, die uns als Gesellschaft peinlich berührt.

Die Frage ist nicht, ob wir das Tier retten können – das können wir nicht. Die Frage ist, ob wir die Würde haben, ihm ein schnelles Ende zu bereiten, anstatt ihm den langsamen, qualvollen Tod zuzusehen. Es ist an der Zeit, die Augen zu öffnen und die Konsequenzen unseres Handelns zu tragen. Denn solange Timmy auf dieser Sandbank liegt und leidet, spiegelt sich unser menschliches Versagen darin wider.