Poel: gestrandeter wal timmy weint die nacht durch

Es ist eine Szene, die sich einem wie ein Albtraum aufdrängt: Dunkelheit, das monotone Rauschen der Ostsee und ein tiefes, klagendes Stöhnen, das aus dem schwarzen Wasser auf der Insel Poel dringt. Timmy, der gestrandete Buckelwal, verbringt seine Nächte mit einem verzweifelten Ruf nach Hilfe, während zwei Polizisten Wache halten, um die wenigen Neugierigen auf Distanz zu halten.

Die melancholie des giganten

Ich traf ihn in der Dunkelheit, weitab vom Licht der Küstenbeleuchtung. Der Vollmond hing wie eine silberne Scheibe über dem Wasser, warf ein unheimliches Licht auf die Szenerie. Kein Lärm, außer dem tiefen Brummen, das aus Timmy kam – ein Geräusch, das mehr als nur Tierstimme war. Es war ein Weinen, ein Ausdruck von tiefem Leid, wie es ihn nur bei Lebewesen geben kann. Ein österreichischer Musiker, der zufällig anwesend war, hatte mir am Vortag eine Aufnahme seiner nächtlichen Klagen vorspielt. Die Geräusche waren erschütternd, vermittelten ein Gefühl von Verzweiflung und Einsamkeit.

Tagsüber ist Timmy still, scheint den Stress zu ertragen. Doch in der Nacht, so scheint es, bricht die Verzweiflung in ihm hervor. Das Tier, das vor fast einer Woche an dieser Küste strandete, besitzt noch erstaunliche Kraft. Das tiefe, bassartige Brummen, das man spürt, bevor man es hört, ist beklemmend. Es ist, als ob ein alter Dieselmotor im Wasser knatterte, doch es ist nur Timmy, der um seine Freiheit, seine Familie klagt. Der Wal, der 700 Kilometer vom offenen Atlantik entfernt liegt, sendet ein Notsignal in die Dunkelheit.

Ein schamane und die hoffnung auf heilung

Ein schamane und die hoffnung auf heilung

Unter den wenigen Zeugen, die sich dem Strandabschnitt näherten, befand sich auch ein Mann, der sich als Schamane bezeichnete. Er beteuerte, er könne Timmy durch Handauflegen wieder Kraft geben und ihn zurück in den Atlantik führen. Ein Glaube, der angesichts der wissenschaftlichen Fakten und der scheinbar ausweglosen Situation fast grotesk wirkt. Doch in der Hoffnungslosigkeit suchen die Menschen oft nach ungewöhnlichen Wegen, nach einem Funken Trost. Ich ertappte mich bei dem Gedanken, dass ich anfing, Timmy zu vermenschlichen, mich in sein Leid hineinzuversetzen. Ein Reflex, der wohl jedem widerfährt, der einem Tier in solch einer Notlage begegnet.

Die Polizei bewacht den Zugang zu Timmy, versucht, die Schaulustigen fernzuhalten. Doch der Gesang des Wals ist unüberhörbar, dringt durch die Dunkelheit und weckt ein Gefühl von Mitgefühl und Hilflosigkeit. Was wird aus Timmy? Kann er gerettet werden, oder ist sein Leiden nur eine Frage der Zeit? Die Antwort liegt im Meer, in der Hoffnung auf ein Wunder, das angesichts der Realität immer unwahrscheinlicher erscheint.