Promi-gewalt: wenn der schein trügt und die masken fallen

Der 19. März. Ein Donnerstag, der Deutschland aus dem Schlaf rüttelte – nicht wegen eines politischen Skandals oder einer Wirtschaftskrise, sondern wegen einer Anklage, die so unerwartet kam wie ein Wintersturm: Collien Fernandes beschuldigt ihren Mann, den einst so beliebten Fernsehmoderator Christian Ulmen, der „virtuellen Vergewaltigung“. Ein Fall, der nicht nur eine Ehe, sondern auch unsere Vorstellung von Prominenten und deren vermeintlicher Unantastbarkeit in Frage stellt.

Die eskalation einer debatte: gewalt gegen frauen im rampenlicht

Es war nicht der erste Fall, der im März die Debatte um Gewalt gegen Frauen neu entfachte. Die Verurteilung eines Professors wegen heimlicher Videoaufnahmen von Studentinnen und die Enthüllung einer Gruppenvergewaltigung in Berlin-Neukölln hatten bereits eine Welle der Empörung ausgelöst. Doch der Fall Fernandes und Ulmen wirbelte alles auf: Zwei Gesichter, die wir kannten, denen wir sogar beim Durchfall-Talk in der Werbung gern zuhörten, sollen Schläge, psychische und digitale Gewalt erfahren haben? Deutschland rieb sich die Augen: Kann das wirklich sein?

Die Geschichte wurde schnell zu einer Meta-Ebene der strukturellen Gewalt, wie der „Spiegel“ treffend bemerkte. Auch wir bei BILD, die wir im November ein Schwerpunktthema zu diesem Thema gestartet hatten, griffen die Vorwürfe auf, um mehrfach auf die flächendeckende Gewalt hinter den Anschuldigungen im Fall Fernandes hinzuweisen. Eine Realität, die angesichts der anhaltenden Debatten um Pelicot und Epstein und angesichts der erschreckenden Zahlen zu Gewalt an Frauen relevant ist. Denn die Wahrheit ist: Gewalt ist Alltag, nicht Ausnahme.

Die erschreckende statistik: dunkelziffern und systemische probleme

Die erschreckende statistik: dunkelziffern und systemische probleme

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Im Jahr 2024 wurden in Deutschland rund 265.000 Menschen Opfer häuslicher Gewalt, über 70 Prozent davon Frauen. Mehr als 50.000 Frauen und Mädchen wurden Opfer von Sexualdelikten, viele davon minderjährig. Über 300 Frauen verloren ihr Leben – meist durch Partner oder Ex-Partner. Doch die offizielle Statistik kratzt allenfalls an der Oberfläche. Studien des BKA gehen davon aus, dass nur ein Bruchteil solcher Taten angezeigt wird – bei sexualisierter Gewalt zum Beispiel nur 3 von 100 Taten, bei digitaler Gewalt sogar nur 2 von 100. Gerade letzterer Bereich explodierte in den letzten Jahren, denn 18.224 Frauen und Mädchen wurden als Opfer registriert – der stärkste Anstieg unter allen Gewaltformen.

Von flittchen bis kastration: die eskalation der öffentlichen debatte

Von flittchen bis kastration: die eskalation der öffentlichen debatte

Der Fall Fernandes und Ulmen entfesselte nicht nur eine Debatte über häusliche Gewalt, sondern auch eine regelrechte Schlammschlacht. Der pensionierte Professor der Uni Hannover, Stefan Homburg, nannte Collien Fernandes verunglimpfend „ein Flittchen“, während die Influencerin Leonie Plaar eine bizarre Forderung nach öffentlicher Kastration von Tätern aufstellte. Die Linken-Politikerin Cansın Köktürk zeigte Kanzler Friedrich Merz auf Instagram den Mittelfinger, nachdem dieser die Gewalt gegen Frauen auf Zuwanderung zurückgeführt hatte. Und die Kabarettistin Monika Gruber spielte mit der Vorstellung digitaler Vergewaltigung bei X (vormals Twitter). Die eigentliche Debatte über Gewalt gegen Frauen ging im Lärm der Extreme unter.

Patriarchat, toleranz und die verantwortung der gesellschaft

Patriarchat, toleranz und die verantwortung der gesellschaft

Die Wahrheit liegt oft zwischen den Fronten, und sie ist unbequemer, als wir es uns eingestehen wollen. Strukturelle Gewalt ist kein simples Feindbild, sondern tief verwurzelt und historisch gewachsen. Bis 1997 war Vergewaltigung in der Ehe in Deutschland nicht strafbar, bis 1977 benötigten Frauen das Einverständnis ihres Mannes, um arbeiten zu gehen. Diese alten Regeln sind abgeschafft, doch ihre Spuren wirken bis heute nach. Das Patriarchat ist kein feministisches Schlagwort, sondern ein System, das unsere Gesellschaft geprägt hat. Und genau deshalb reicht es nicht, mit dem Finger auf „die anderen“ zu zeigen.

Die Delikte sind vielfältig und ziehen sich durch alle Bevölkerungsschichten. Die Auswirkungen für die Opfer sind oft schwer greifbar und sehr individuell – wie im Fall der österreichischen Ärztin Lisa-Maria Kellermayr, die sich öffentlich für Corona-Impfungen aussprach und im Juli 2022 Selbstmord beging, oder im Fall von Gisèle Pelicot, die über Jahre massenvergewaltigt wurde und dennoch den Mut hatte, sich zu wehren.

Psychologe Ahmad Mansour betont, dass Gewalt gegen Frauen nicht per se ein migrationsbedingtes oder muslimisches Phänomen sei, sondern dass gerade beim Thema sexuelle Gewalt kulturelle Unterschiede eine Rolle spielen können. Er fordert unmissverständliche Wertevermittlung und harte Strafen bei Verstößen. Doch er warnt davor, dieses Phänomen gegen andere Formen der Gewalt auszuspielen.

Echokammern und die illusion von empathie

Echokammern und die illusion von empathie

Warum gelingt es uns nicht, am eigentlichen Thema festzuhalten und ohne persönliche Agenda zu diskutieren? Laut Psychologe Ahmad Mansour liegt das an der zunehmenden Polarisierung der Gesellschaft durch soziale Medien. Wir bewegen uns immer mehr in Echokammern, in denen wir uns der Bestätigung für die eigene Meinung erfreuen. Empathie beschränkt sich auf die Mitglieder der eigenen Gruppe, und die Fähigkeit, Mehrdeutigkeit zu ertragen, schwindet.

Der Fall Fernandes und Ulmen wirft ein Schlaglicht auf eine tieferliegende Problematik: Wie messen wir Mitgefühl aus, und was sagt das über uns aus? Warum bekommen manche Opfer Gesichter und andere bleiben Aktenzeichen? Warum diskutieren wir so überbordend über Promis und nicht über ein junges Mädchen aus Neukölln, das durch die Hölle gegangen ist? Die Antwort liegt darin, dass wir uns leichter mit konkreten Geschichten identifizieren als mit abstrakten Informationen.

Bundestagspräsidentin Julia Klöckner fasste den richtigen Maßstab zusammen: „Gewalt gegen Frauen ist auch ein Gradmesser für unsere Rechtsstaatlichkeit, für Gleichberechtigung und Demokratie. Und ein Gradmesser für Zivilisation und Anstand. Wer Anstand hat, nimmt die Verherrlichung von Gewalt gegen Frauen nicht hin.“ Die Stunde des Handelns ist gekommen. Denn es geht letztlich nicht nur darum, Gewalt zu erklären, sondern darum, ihr menschlich zu begegnen.