Tankstellen in not: spritpreise ruinieren pächter
Die Kassen klingeln zwar, doch die Gesichter der Tankstellenpächter sind düster. Ein paradoxes Szenario entfaltet sich in Deutschland: Steigende Spritpreise bedeuten nicht mehr Gewinn, sondern existenzielle Bedrohung für viele Betreiber. Entlassungen und verkürzte Öffnungszeiten drohen – ein Umbruch, der die Branche erschüttert.

Die fruchtbonbons als aggressionsbremse
Steven Gröbler, Kfz-Mechaniker und Betreiber einer Tankstelle in Charlottenburg, versucht mit kleinen Gesten, die angespannte Lage zu entschärfen. „Das senkt das Aggressionspotenzial“, erklärt er, während er einem Kunden einen Fruchtbonbon zur Spritrechnung gereicht. Doch die Geste kann die tieferliegenden Probleme nicht kaschieren. Gröbler hat bereits mit seinen Mitarbeitern über Entlassungen gesprochen – eine bittere Notwendigkeit angesichts des drastisch gesunkenen Umsatzes mit Nebenprodukten, der um 25 Prozent eingebrochen ist.
Lo que nadie cuenta ist die komplizierte Finanzstruktur. Die Einnahmen aus dem Spritverkauf fließen nahezu vollständig an die Mineralölgesellschaften. Die Pächter erhalten lediglich eine geringe Provision pro Liter – im Fall Gröblers gerade einmal vierstellig, von der er Stromrechnungen, Kassenbonrollen und ein kümmerliches Gehalt für sich selbst bezahlen muss. „Das Nebengeschäft des Shops muss alles andere abdecken“, klagt er. Ein System, das sich nun unter dem Druck der hohen Spritpreise zutiefst destabilisiert.
Besonders hart trifft die Situation Tankstellen in Grenzregionen, wo Kunden Schlange stehen vor den Billigtankstellen im Nachbarland Polen. 50 bis 70 Tankstellen stehen vor dem Aus. Die Auswirkungen des Mindestlohns, der bereits vor Jahresfrist eingeführt wurde, verstärken die Krise zusätzlich. Hans-Joachim Rühlemann, Vorstand des Tankstellenverbands Nordost (VGT), sieht keine andere Möglichkeit als Entlassungen. „Ganz klar“, sagt er, „viele Kollegen stellen jetzt nur noch um 7 Uhr auf, hören abends um 21 Uhr auf, obwohl 22 Uhr vereinbart war.“
Die sinkende Kundenfrequenz trägt ebenfalls zur Misere bei. „Die Leute machen nur noch die notwendigsten Fahrten mit dem Auto, nehmen eher das Rad oder Öffis“, beobachtet Rühlemann. Die Zukunft sieht düster aus: Der Branchenexperte prognostiziert, dass Tankstellen in Randlagen in wenigen Jahren unbemannt sein werden. „Die Zukunft sind Automaten-Tankstellen mit einem kleineren Sortiment im Shop. Dort öffnen sich die Türen mit EC-Karte und man kommt erst wieder raus, wenn alles bezahlt ist.“
Oxana, seit zweieinhalb Jahren bei Gröbler beschäftigt, blickt besorgt in die Zukunft. „Vorher war ich vier Jahre bei McPaper – schon danach musste ich drei Monate suchen, bevor ich diese Arbeit fand. Jetzt einen neuen Job zu suchen, das ist noch schwerer.“ Ihre Geschichte ist ein Spiegelbild der wachsenden Unsicherheit, die über die Tankstellenbranche hereinbricht.
Die Spirale dreht sich weiter: Höhere Spritpreise, sinkende Umsätze im Shop, Entlassungen, verkürzte Öffnungszeiten. Die Tankstellenpächter zahlen den Preis für eine Politik, die den Verbrauchern zwar kurzfristig Erleichterungen verspricht, langfristig aber die Grundfesten einer ganzen Branche untergräbt.
