Tschernobyl-überlebender flieht erneut – krieg als zweites trauma
Der ehemalige Blocksteuerungs-Ingenieur Oleksiy Breus, ein Mann, der bereits die atomare Katastrophe von Tschernobyl überlebte, ist erneut auf der Flucht – diesmal vor dem russischen Angriff auf die Ukraine. Sein Leben, geprägt von zwei existenziellen Bedrohungen, ist eine erschütternde Chronik des Überlebens.
Ein blick zurück ins infernale herz der katastrophe
Es war der 26. April 1986. Breus, damals 27 Jahre alt, betrat den Kontrollraum des Reaktors in Block vier des Tschernobyl-Kraftwerks. Was er sah, war ein Albtraum: ein klaffendes Loch im Betonschutzmantel, Rauch, der sich in den Himmel erhob. Der Reaktor lag offen, ein tödliches Loch, das unzähligen Leben Angst einjagte. Ein Befehl aus Moskau, sinnlos und rücksichtslos, zwang ihn, Kühlwasser in den Reaktor zu pumpen – eine Aktion, die als unnötig erkannte und letztendlich zur Eskalation der Katastrophe beitrug. Die Stille, die sich danach einstellte, war alles andere als beruhigend. Nur das Knistern seiner Plastikgaloschen durchbrach die gespenstische Atmosphäre.

Der letzte knopf
Stundenlang kämpfte Breus mit seinen Kollegen, versuchte verzweifelt, die Pumpen zu starten. Doch das Schlimmste war noch nicht erreicht. Am Nachmittag fiel die letzte Pumpe aus. Er war der letzte im Kontrollraum, der Zeuge des Grauens, der den letzten Knopf am Kontrollpult drückte – ein Akt der resignierten Kapitulation vor einer unaufhaltsamen Katastrophe. Viele seiner Kollegen starben an den Folgen der Strahlenkrankheit. Breus überlebte, ein Wunder, das bis heute nicht vollständig erklärt ist.

Flucht vor dem krieg
Fast ein Vierteljahrhundert später, im Februar 2022, wurde Breus erneut auf der Flucht. Die Sirenen heulten, die russischen Truppen hatten Tschernobyl, seine alte Arbeitsstätte, besetzt. Die Angst, die er nun empfand, war anders als die vor der Strahlung – diesmal war es die Angst vor der Armee, vor dem unberechenbaren Chaos des Krieges. Er floh mit dem Zug nach Polen, ein knappes Entkommen, als ein anderer Zug in der Nähe beschossen wurde. Schließlich fand er in der Schweiz Asyl – in einem Flüchtlingsheim, unterstützt durch Sozialhilfe und eine kleine Tschernobyl-Rente.

Ein leben zwischen trauma
„Ich musste zweimal evakuiert werden“, sagt Breus mit leiser Stimme. „Einmal vor der Strahlung, einmal vor der Armee. Die Ukraine ist mein Zuhause. Wenn der Krieg vorbei ist, werde ich zurückkehren.“ Die Narben, sowohl die körperlichen als auch die seelischen, sind tief. Das Leben eines Mannes, der zweimal das Schicksal entrechtet hat – eine Geschichte, die nicht nur von Überleben, sondern auch von der unendlichen Widerstandsfähigkeit des menschlichen Geistes erzählt. Die Zahlen sprechen für sich: Er hat nicht nur die Tschernobyl-Katastrophe, sondern auch den russischen Angriff überlebt – ein zweites, ebenso beängstigendes Kapitel in seinem Leben. Ein Leben, das sich in der Stille eines Schweizer Flüchtlingsheims fortsetzt, fernab der Trümmer und der Erinnerung an die Wiederholung eines Albtraums.”n
