Buchstaben-chaos am bahnhof: kunst oder fehlgriff?

Hohen Neuendorf – Ein Bahnhof, der Rätsel aufgibt: Statt des Stadtnamens ziert eine bizarre Buchstabenanordnung die Fassade des umgebauten Bahnhofsgebäudes. Was als „Kunst am Bau“ gedacht war, spaltet die Gemüter und lässt Fragen aufkommen, ob die 9 Millionen Euro Baukosten wirklich sinnvoll investiert wurden.

Ein wirrwarr aus lettern, ein teures vergnügen

Drei Jahre dauerte der Umbau des historischen Bahnhofsgebäudes im Berliner Speckgürtel. Nun sind die Bauarbeiten abgeschlossen, doch das Ergebnis ist umstritten. Anstelle des erwarteten Stadtnamens prangt ein scheinbar zufälliges Durcheinander aus 27 Buchstaben – ein Werk der Berliner Künstlerin Barbara Trautmann, die sich im Wettbewerb gegen 15 Konkurrenten durchsetzte. Bei genauerer Betrachtung offenbart sich jedoch die Botschaft: „Kulturbahnhof Hohen Neuendorf“. Ein gewiefter Trick, der den einen amüsiert, den anderen aber schlichtweg irritiert.

Die Reaktion der Bürger ließ nicht lange auf sich warten. „Schön ist anders“, kommentierte ein Facebook-Nutzer. Ein anderer Nutzer brachte es auf den Punkt: „Russisch Brot an die Fassade geschmissen und zack. Kunst.“ Diese Äußerungen spiegeln die Verunsicherung wider, die viele Einwohner empfinden. Stadtrats-Chef Raimund Weiland (CDU) versuchte, die Kritik abzumildern, argumentierte aber, dass Kunst „anecken und auch mal provozieren“ müsse – ein Standardargument, das in solchen Fällen oft bemüht wird.

Doch die Kosten sind der eigentliche Stolperstein. Christian Erhard-Maciejewski, Chef der FDP-Stadtfraktion, kritisiert die explodierenden Baukosten, die von ursprünglich 3 Millionen Euro auf nunmehr 9 Millionen Euro gestiegen sind. Allein die Buchstaben an der Fassade verschlangen 82.000 Euro – ein Betrag, der in Anbetracht der fragwürdigen Ästhetik für viele kaum zu rechtfertigen ist. Erhard-Maciejewski beklagt zudem den fehlenden Beteiligungsprozess der Einwohner: „Schade, dass die Einwohner nicht beteiligt wurden.“

Mehr als nur ein bahnhof: ein kulturzentrum entsteht

Mehr als nur ein bahnhof: ein kulturzentrum entsteht

Trotz der Kritik bietet der neue „Kulturbahnhof“ ab dem 4. Juli einiges: Neben der weiterhin betriebenen S-Bahn-Anbindung sollen Bibliothek, Stadtinformation, Gruppenräume für Senioren und Vereine, Proberäume, Ausstellungsflächen für Kunst und ein Jugendtreffpunkt entstehen. Ein Veranstaltungssaal mit Platz für 80 Gäste soll Konzerte, Lesungen und Vorträge beherbergen, und am Bahnhofseingang entsteht ein Bistro.

Die 27.000-Einwohner-Stadt kann sich diesen Luxus leisten. Hohen Neuendorf ist eine der reichsten Gemeinden Brandenburgs, mit hohen Einkommen und Immobilienpreisen. Doch die Frage bleibt, ob diese Investitionen wirklich die Bedürfnisse der Bevölkerung treffen oder ob der Fokus zu stark auf Prestige und vermeintlicher Kunst liegt. Die Buchstaben an der Fassade sind dabei nur die Spitze des Eisbergs.